Tansania ist ein Land der Superlative. Hier gibt es die ältesten Spuren der Menschheit (rund 3,6 Millionen Jahre alte Fußspuren), den höchsten Berg Afrikas (Kilimanjaro: 5.893 Meter) und den größten See des Kontinents (Viktoriasee: 68.870 Quadratkilometer). Es ist zudem das größte Land Ostafrikas und zugleich das friedlichste: Kein Putsch, kein Krieg, keine Diktatur. Leider zählt Tansania aber auch zu den ärmsten Staaten der Welt. Von den über 72 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner leben etwa ein Viertel unterhalb der nationalen Armutsgrenze.

Tansania existiert in seiner heutigen Form erst seit 1964. Das Festland Tanganyika war zuerst deutsche, danach britische Kolonie. 1961 führte Präsident Julius Nyerere sein Land in die Unabhängigkeit. Die Inselgruppe Sansibar schloss sich drei Jahre später dem Festland an, wodurch die Vereinigte Republik Tansania entstand.
Die ca. 120 verschiedenen Ethnien im neu gegründeten Land verbindet vor allem die gemeinsame Sprache Swahili (auch Suaheli oder Kisuaheli). Durch dieses Bindeglied war eine Verständigung und damit auch ein Gemeinschaftsgefühl möglich, das wohl bis heute einen erheblichen Anteil am Frieden im Land hat.

Während das Swahili blieb, musste 1989 – vier Jahre nach Nyereres Rücktritt - das sozialistische Modell „Ujamaa“ weichen. In den Folgejahren fand eine große Liberalisierung des Landes statt. Die damit verbundenen Vor- und Nachteile prägen Tansania bis heute. Früher, so sagt man, waren wenigstens alle gleich arm, wohingegen sich heute eine kleine Elite immer stärker vom Rest absetzt. Zudem fand eine Öffnung hin zum Rest der Welt statt, was sich besonders am Kleidungs- und Musikstil sowie in den Medien bemerkbar macht. Das Angebot im tansanischen TV ist stark vom europäischen und US-amerikanischen Geschmack beeinflusst. Casting-Shows, die z.B. junge Mädchen als künftige Top-Models vorstellen, sowie unzählige Fernsehserien stehen hoch im Kurs. Smartphones und eigene Social-Media-Profile gehören schon längst zu den Statussymbolen der jungen Bevölkerung.

Das steigende Wirtschaftswachstum kommt bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht an, denn vom Rohstoffabbau (v.a. Gold und Edelsteine) profitiert nur eine kleine Oberschicht. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt vom informellen Sektor, der geringerer staatlichen Regulierung unterliegt. Dazu zählen zum Beispiel Straßenverkäufe, die Herstellung und der Verkauf eigener Produkte und Dienstleistungen oder die Landwirtschaft.
Die ungleiche Verteilung des erwirtschafteten Reichtums, die hohe Armut in den ländlichen Gebieten, fehlende Bildung, eine extreme Jugendarbeitslosigkeit und das marode Gesundheitswesen sind Ausdruck der schlechten wirtschaftlichen Lage des Staates.

Bildungsarmut und fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung

Nur wer genug Geld hat, kann seinen Kindern eine anständige Schulbildung zukommen lassen. Die große Mehrheit erhält zwar eine Grundschulausbildung, ein ordentlicher Abschluss ist damit aber nicht garantiert. Manche Lehrkräfte unterrichten gleichzeitig bis zu 180 Schülerinnen und Schüler. Schlecht ausgebildete Lehrkräfte, fehlende Klassenzimmer, lange Schulwege und die verbreitete Armut erschweren zusätzlich den Zugang zu Bildung. Immerhin stieg in den letzten Jahren die Alphabetisierungsrate von 69 Prozent (2000) auf 82 Prozent.

Wer weiter kommen will, braucht zwei Dinge: Geld und gute Englisch-Kenntnisse. Zum einen verursachen weiterführende Schulen hohe Kosten, zum anderen wird der Unterricht dort auf Englisch und damit in einer Fremdsprache gehalten. Wer sich also noch zuvor aktiv beteiligt hat, versteht vielleicht plötzlich die Frage nicht mehr und sitzt gelangweilt und überfordert auf der Schulbank.

Oft führt auch eine Erkrankung oder der Tod der Eltern oder eine frühe Schwangerschaft zu einem verfrühten Schulabbruch. Gerade die älteren Geschwister müssen dann irgendwie versuchen, an Geld zu gelangen, um die Familie zu ernähren. Dieses Schicksal trifft auf jedes dritte Kind unter 14 Jahren zu. In ländlichen Gegenden arbeiten sie zum Teil 14 bis 17 Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Dafür werden sie nur mit der Hälfte eines erwachsenen Lohnes bezahlt.

Die große Armut spiegelt sich auch in der Gesundheitslage wider. Ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren ist chronisch mangelernährt. Zudem leiden viele Kinder unter lebensbedrohlichen Abmagerungen. Die Mehrheit der Bevölkerung muss für ihre gesundheitliche Versorgung selbst zahlen. Viele Familien haben aber nicht das nötige Geld und können sich deshalb keine medizinische Versorgung leisten. Daher ist gerade in den ländlichen Regionen die traditionelle Heilkunst eine beliebte Alternative, obwohl diese keinen Schutz oder Hilfe bei Krankheiten bietet. Das Vertrauen auf die Heilkunst kann bei schweren Krankheiten schnell lebensgefährlich werden, da diese nicht oder falsch behandelt werden.
Die Bildungsarmut und der fehlende Zugang zu medizinischer Versorgung führt dazu, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen oder mit Behinderungen ausgegrenzt und so benachteiligt werden.


Unsere  Projektpartnerinnen und Projektpartner von missio München setzen sich für diese benachteiligten Menschen ein, indem sie Unterstützung anbieten, ihnen eine Stimme geben und medizinische Aufklärungsarbeit betreiben. Ihr Ziel: Kein Mensch soll aufgrund einer Krankheit oder Behinderung diskriminiert, benachteiligt oder ausgegrenzt werden. 

Unser Beispielprojekt in Tansania

Simama: "Steh auf!"

Kindern mit Behinderung eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben geben – das ist das Ziel von Pater Furaha Ntasamaye. Er leitet in der Diözese Mbeya im südlichen Hochland Tansanias das Rehabilitationsprojekt Simama, was auf Swaheli "Steh auf!" bedeutet. In vier kleinen Zentren unterstützen Physiotherapeuten, Sozialarbeiter und eine Psychologin mehrere Hundert Kinder. Die meisten von ihnen kommen aus sehr armen Familien, denen jegliche Mittel fehlen, die Kinder medizinisch versorgen zu lassen.

Das Simama-Projekt ermöglicht den Mädchen und Jungen gezielte Therapien. Gleichzeitig wird ihre Integration in die Gesellschaft durch den Besuch von Schulen und Ausbildungszentren gefördert. "Wir wollen erreichen, dass die Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen nicht mehr aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden", betont Father Furaha. Noch immer herrscht in vielen Regionen Tansanias der Aberglaube, Behinderungen seien eine "Strafe Gottes" oder eine Folge von Hexerei.

Lest dazu die Reportage "Wir gehören dazu!" im missio magazin:

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